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reality-tv mit seele (reality tv with soul)
by reto caduff

08.30.04



niemand dreht bessere clips als mark romanek. seit neustem bricht er alle gesetze seiner branche – mit erfolg.

wann hat uns ein musikvideo das letzte mal zu tränen gerührt? keine frage: als der todkranke johnny cash seine herzergreifende version von trent reznors drogenballade «hurt» ablieferte, ungeschminkt, porentief und in schwarzweiss. das video wurde mit preisen bedacht, aber es konnte mehr: es konservierte das authentische bild eines grossen künstlers.

für einen job wie diesen braucht es einen einfühlungskünstler wie den 44-jährigen amerikaner mark romanek. romanek wird von vielen fachleuten als der bedeutendste clipregisseur der neuzeit gehandelt. mark romaneks videos für künstler wie johnny cash, madonna, janet jackson, beck, nine inch nails oder lenny kravitz gehören bereits heute zu den visuellen höhepunkten, welche dieses genre in gut zwanzig jahren hervorgebracht hat. michael stipe von r.e.m. meint über romanek: «wenn man schulter an schulter mit ihm steht und das gleiche objekt fotografiert, wird marks foto unweigerlich besser ausfallen.» als mtv am 27. juli die nominationen für die music video awards bekannt gab, schwang ein video mit sechs nominationen obenauf: «99 problems» des rappers jay-z. der clip funktioniert genau umgekehrt wie die meisten aus strassenkreuzern und leicht bekleideten mädels zusammengebauten rap-videos. es zeigt an robert frank erinnernde bildausschnitte und ist in körnigem schwarzweiss und slow motion gedreht. regie: mark romanek.

plattenfirmen schliessen sich zusammen, cd-verkäufe brechen ein, mtv spielt kaum noch videoclips – macht es so noch spass, musikvideos zu drehen?
«spass» ist relativ. ich bin meistens sehr konzentriert und angespannt, wenn ich diese dinger drehe – vielleicht nehme ich die arbeit tatsächlich ein wenig zu ernst. das heisst aber nicht, dass es nicht auch spass machen kann – bestimmt mehr, als unter der heissen sonne ein loch zu schaufeln. manchmal, wenn eine einstellung perfekt klappt oder man einen fantastischen drehort gefunden hat, schleicht sich schon so was wie ein glücksgefühl ein. aber ein clip ist für mich in erster linie arbeit. was freilich noch immer spass macht, ist die arbeit am schnittplatz. ja, das macht noch immer sehr viel spass.

verglichen mit ihren arbeitskollegen drehen sie selten.
stimmt, ich drehe selten, denn ich habe einen hohen anspruch an jedes meiner werke. sie sollen provokativ, spannend und neu sein. der druck, nicht einfach ein x-beliebiges video abzuliefern, ist sehr stark und nimmt eigentlich immer mehr zu. ich hoffe, ich komme nicht als eingebildet rüber, wenn ich sage, es ist nicht mehr ganz einfach, eine neue herausforderung in diesem medium zu finden.

mit dem clip zu «scream» von michael und janet jackson wurden sie im «guinness-buch der rekorde» vermerkt. «scream» kostete sechs millionen dollar und war damit das teuerste musikvideo aller zeiten. wird es in ihrer branche je wieder solche budgets geben?
das denke ich kaum. übrigens stimmt das mit dem teuersten video gar nicht. da gibt es ein anderes video aus den neunzigern von der gleichen produktionsfirma, das noch viel mehr gekostet hat. bloss ist diese information damals nicht an die medien gegangen. leider kann ich nicht sagen, welcher clip das war.

waren ihre früheren videos oft sehr stilisiert und glatt, haben ihre letzten arbeiten wie jay-zs «99 problems» oder johnny cashs «hurt» fast dokumentarischen charakter. zufall?
als ich mit produzent rick rubin über die idee eines johnny-cash-videos nachdachte, glaubten wir nicht, dass irgendeine station den song eines 71-jährigen spielen würde. dieser gedanke wirkte irgendwie befreiend. johnny cashs gesundheitszustand wurde vor dem dreh besorgniserregend. also warf ich alle meine üblichen, sehr ausführlichen vorbereitungen über bord und flog mit dem kameramann jean-yves escoffier nach nashville. wir sahen uns cashs haus an und gingen dann zum cash-museum, das seit längerem geschlossen war und ziemlich kaputt aussah. alles wirkte dort sehr heruntergekommen, traurig. aber ich begriff, dass dies eigentlich sehr gut zu cash und dem von trent reznor (nine inch nails) komponierten song «hurt» passt. im museum fand ich eine kiste mit altem filmmaterial. ich schaute mir die filme an und entschied ziemlich spontan, ausschnitte davon in den musikclip einzubauen. nicht gerade üblich für ein video – aber hier hat es funktioniert. eine art reality-tv mit seele.

auch bei jay-z haben sie dem glitter und glamour den rücken gekehrt.
jay-z erklärte öffentlich, «99 problems» sei sein letztes musikvideo und sein abschied als rapper. da lag die idee nahe, ein visuelles begräbnis zu organisieren. ich bin nicht bekannt als rap-video-regisseur und wollte jegliche rap-klischees tunlichst vermeiden. so kam es zur idee, schwarzweiss zu drehen und jay-zs heimat brooklyn als kulisse für das begräbnis zu benutzen. es ist ja gleichzeitig auch ein schwanengesang auf das alte brooklyn, das immer mehr unter neubauten und renovationen verschwindet. während meiner vorbereitung schaute ich mir viele fotobücher über new york an – klassiker von eugene richards, bruce davidson, weegee. ein buch, das ich dabei entdeckte, war «brooklyn kings» von martin dixon über schwarze biker-klubs in brooklyn.

am schluss des clips stirbt jay-z im kugelhagel. eine tatsache, mit der die zensoren bei mtv ihre liebe mühe hatten. nun ist das video für sechs mtv music awards nominiert.
lustig, nicht?

in «99 problems» hat produzent rick rubin einen kurzauftritt. immer wieder drehen sie clips, hinter denen der superproduzent steht. wie ist das verhältnis zwischen ihnen und rick rubin?
rick ist seit über zehn jahren einer meiner engen freunde. er mag meine arbeit, und wenn er ein album produziert, schlägt er den künstlern oft vor, eine zusammenarbeit mit mir zu versuchen. er war es, der meine letzten jobs für audioslave, red hot chili peppers, johnny cash und jay-z ermöglichte.

aber auch da stehen keine monsterbudgets mehr zur verfügung.
bei den plattenfirmen hat man die ausgaben enorm heruntergefahren, das ist eine tatsache. es gibt weniger geld, und ich stelle weniger mut bei labels und management fest. man hat weniger zeit für die produktion, und – seien wir ehrlich – es gibt auch viel weniger gute musik. aber auf der anderen seite ist es eine grosse herausforderung. man muss noch kreativer sein, intelligente kompromisse finden. das ist nicht immer nur schlecht.

nach welchen kriterien wählen sie einen job aus? budget, künstler, song, text?
erstens entscheidet mein gefühl. finde ich es einen guten song? erlaubt der song die möglichkeit, ein aussergewöhnliches visuelles konzept zu erstellen? dann natürlich auch rein kommerzielle überlegungen: stehen die chancen gut, dass der song weltweit im radio gespielt wird? ist der künstler fotogen, hat er stil, oder ist er zumindest provokativ genug? ich gehe eigentlich nie nach dem text – übersetze nie den song auf direktem weg –, sondern versuche vielmehr, das gefühl, welches der song auslöst, in eine eigene, visuelle sprache umzusetzen. schlussendlich ist es meine interpretation des songs – aber immer mit dem bewusstsein, dass ich in einer dienstleistungsbranche arbeite.

das heisst, die musiker haben auf ihre videos selten grossen einfluss?
es ist eine verklärte vorstellung, dass musiker mit ihren vollen terminplänen auch noch ihre musikvideos konzipieren. natürlich entsteht ein clip immer in absprache, aber die ideen stammen eigentlich immer von mir. ich bin immer wieder erstaunt, dass musiker dieses vertrauen in mich haben und mir ihren song zum visualisieren überlassen. ich weiss nicht, ob ich ein sehr persönliches werk jemand anderem zum herumbasteln in die hand gäbe.

beck, madonna, lenny kravitz, macy gray, nine inch nails, sonic youth, fiona apple: ihre lange liste von musikclips liest sich wie ein who’s who der talentiertesten musiker der letzten dekade. welche wünsche sind noch offen?
wenn björk, radiohead, tom waits, leonard cohen, bob dylan oder u2 anklopften, wäre ich wohl zu haben.

viele kollegen halten sie für einen manischen perfektionisten...
...«manisch» hat für mich einen sehr negativen charakter. der job eines jeden guten regisseurs ist es, sich auch um die details zu kümmern. es gibt leute, die vielleicht etwas detailbesessener sind als andere. perfektionismus bedeutet ja nichts anderes, als sich für den shit, den man macht, zu interessieren. ich arbeite gerne mit leuten, die sich wirklich für den shit, den sie machen, interessieren.

neben clips und ihrem spielfilm «one hour photo» haben sie auch begonnen, werbefilme zu drehen. ist das für einen regisseur, der die freien konzepte der musikvideos gewohnt ist, nicht sehr einengend?
ich suche mir meine werbespots sehr genau aus. meine spots sind sehr anders als die arbeit mit musikvideos. sagen wir es so: bei den werbefilmen versuche ich eher sanfte töne anzuschlagen, ein humanistisches moment herauszuschälen. die arbeitsweise ist tatsächlich völlig anders – aber auch spannend. in dreissig sekunden eine geschichte zu erzählen, ist für mich noch relativ neues terrain. das so zu machen, dass man sich am schluss nicht als prostituierte fühlt, ist eine zusätzliche herausforderung. ingmar bergman drehte einen werbespot für eine schwedische seife – das tröstet mich ungemein.

mit ihrem erfolgreichen spielfilm «one hour photo» mit robin williams als schrägem fotolaboranten haben sie sich auch als hollywood-regisseur einen namen gemacht. mir scheint, dass sie anders als ihre kollegen aus der videobranche – spike jonze, michel gondry, david fincher oder michael bay, die ebenfalls filme drehten – nicht ständig auf das wahnsinnig grosse talent des machers aufmerksam machen müssen.
ich mag finchers und gondrys arbeiten und auch die von spike jonze sehr. sie sind gute freunde von mir. meine arbeitsweise ist aber bestimmt eine andere. ein spielfilm ist ein völlig anderes ligaspiel als ein clip. eine atmosphäre zu schaffen, die es den schauspielern ermöglicht, ihr bestes zu geben – das ist eine ständige herausforderung.

vielleicht schauen filmhistoriker in zwanzig jahren zurück und definieren die ära als die «clip kids»-epoche.
ich glaube, es ist eine eher romantische annahme, dass hier eine «bewegung» im gange wäre. aber wer weiss. überlassen wir’s den historikern.

sie drehen bald wieder einen spielfilm mit dem titel «a cold case».

er basiert auf dem sehr interessanten buch des journalisten philip gourevitch vom new yorker. es handelt von einem pensionierten new yorker polizisten, der sich an die aufklärung eines jahrzehntealten, nie gelösten mordfalls macht. eric roth («insider», «forrest gump», «ali») schreibt die drehbuchadaption, tom hanks spielt die hauptrolle. wir beginnen hoffentlich bald mit den dreharbeiten. ich kann es kaum erwarten, meine fehler aus dem ersten film auszubessern.

als visuell denkenden amerikaner müssen wir sie noch fragen, was die bilder aus dem irakischen gefängnis abu ghraib bei ihnen ausgelöst haben.
ich war schon immer fasziniert, wie ideen und gefühle via bilder vermittelt werden. weshalb gibt es langweilige, eindimensionale fotos und andere, die auf gleichem raum bände sprechen? susan sontag hat ja einige gute bücher dazu geschrieben. es ist ja auch das thema, dass ich in meinem film «one hour photo» aufnehme. die abu-ghraib-bilder werden immer mit uns sein. ich vermute, sie werden zur referenz für diesen krieg werden. diese fotos haben für viele leute ein neues bild amerikas und der amerikaner definiert. sie haben der längst vermuteten moralischen scheinheiligkeit der usa eine kontur gegeben. die bilder sind schrecklich, surreal, traurig, überraschend. ich glaube auch, dass diese fotos noch nicht die ganze geschichte erzählen. ich bin immer noch mitten im verdauungsvorgang dessen, was die bilder in mir bewirkt haben.

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